Am 21. September 2014 um 15.00 Uhr fand die Einweihung des Mahnmals statt, Ort:

Hobrechtsfelder Chaussee, in unmittelbarer Nähe zum großen Parkplatz, des Beginns der Skulpturenlinie Steine ohne Grenzen auf der Ländergrenze zu Brandenburg. Die Opfer der Gewaltherrschaft der NS-Zeit arbeiteten in den ehemaligen Rieselfeldern, die sich von Berlin-Buch nach Barnim erstrecken.

 

 


 

 

DAS MAHNMAL AN DIESEM GEDENKORT SOLL AN 123 FRÜHVERSTORBENE KINDER VON

ZWANGSARBEITERINNEN UND ZWANGSARBEITERN IN BERLIN-BUCH ERINNERN.

ZWISCHEN 1940 UND 1945 VERBRACHTEN DIE KINDER IHR KURZES LEBEN UNTER DEN HARTEN BEDINGUNGEN DER NATIONALSOZIALISTISCHEN GEWALTHERRSCHAFT. DIE KINDER STARBEN IN FOLGE VON MANGELVERSORGUNG UND INFEKTIONSKRANKHEITEN IN BUCHER LAGERN UND KRANKENHÄUSERN.

 

VIELE VON IHNEN KÖNNTEN NOCH HEUTE DIE FREUDE AM LEBEN MIT UNS TEILEN.

 

SCHÜLERINNEN UND SCHÜLER DER GRUNDSCHULE AM SANDHAUS, DER KÖRPERBEHINDERTENSCHULE MARIANNE-BUGGENHAGEN UND DER HUFELANDSCHULE HABEN DIE NAMEN DER KINDER AUFGEZEICHNET.

 

BERLIN-BUCH 2014

 

 

 

R.P.

 

Berlin – Buch 21. September 2014

Gedenkort in Erinnerung an die verstorbenen Kinder von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern in Bucher Lagern und Krankenhäuser 1940-1945

Zusammenarbeit der Bildhauer Silvia Fohrer und Rudolf Kaltenbach mit Schülerinnen und Schülern der GS Am Sandhaus, der Körperbehindertenschule Marianne Buggenhagen und der Hufelandschule

Einen Namen geben – jede Mutter, jeder Vater gibt seinem Kind einen Namen, bei dem er das Kind rufen kann, mit dem es erkennbar als Mädchen oder Junge ist. Mit den meisten Namen verbindet sich eine Geschichte. Sie nehmen Bezug auf Familientraditionen, auf eine religiöse Heimat, wie zum Beispiel bei den jüdischen Namen oder den Namen, die an den Namen eines Heiligen und dessen Geschichte erinnern, oder sie klingen einfach schön und rufen bei den Eltern angenehme Erinnerungen hervor an gute Freunde und Erlebnisse. Namen knüpfen eine Beziehung und binden einen jeden von uns in eine große Gemeinschaft ein, zu der er dazu gehören darf.

Einen Namen kann man auf zweierlei Art empfangen. In unserem Pfarr- und Gemeindehaus ist auch die Jungenschaft zu Hause. Kinder hören dort auf Namen wie Zottel, Schnuckel, Alpaka, Tamat. Diese Namen haben eine Geschichte. Die Kinder haben sich diese Namen erworben aufgrund einer ganz konkreten Begebenheit. Sie haben sich ihren Namen verdient, weil sie ganz bestimmte Geschichten in Erinnerung rufen, weil sie mit den Fähigkeiten ihrer Träger in einer besonderen Beziehung stehen. Die Namen, die man sich verdient, sind sehr schön. Diese Kinder, an die wir erinnern, hatten wenig Zeit, sich einen Namen zu machen. Ihre Namen wären fast verloren gegangen, wenn sich nicht Frau Pumb, Silvia Fohrer und Rudolf Kaltenbach, wenn sich nicht die Schülerinnen und Schüler der Schulen sich dieser Namen angenommen hätten, sie aus Akten herausgelesen und in Stein gehauen hätten. Diese Namen sind aber keine verdienten Namen, sondern geschenkte. Die Kinder hätten in sie noch hineinwachsen sollen. Diese Namen waren Geschenk und Verheißung, Versprechen und Zukunft für diese Kinder. Sie konnten das Geschenk ihres Namens nur ungenügend entdecken und sich erschließen, weil für sie in diesem Land und zu dieser Zeit kein Platz war.

Verdiente Namen, wehe, wenn es nur diese Namen gibt. Wehe, wenn man nur namentlich bekannt ist, wenn man sich einen Namen gemacht hat. Wehe, wenn man nur erkannt wird, wenn man sich selber kenntlich gemacht hat. Wehe, wenn man nur angesehen wird, wenn man sich selber ansehnlich gemacht hat. In solch einer Gesellschaft kann man nicht Kind sein, nicht alter Mensch, nicht Kranker, nicht Behinderter, nicht Sterbender.

Ihr habt in einem großen Gemeinschaftsprojekt diese geschenkten und mit einem Versprechen für die Zukunft belegten Namen sichtbar und lesbar gemacht. Ich weiß nicht, ob ihr über diese Namen geforscht und nachgedacht habt, was sie bedeuten und was sie über die Menschen erzählen, die sie getragen haben. Und ich weiß auch nicht, ob ihr Euch Gedanken darüber gemacht hat, welche Hoffnungen und Geschichten sich mit diesen Namen verbinden. Wichtig ist, sie sind da und wir dürfen gemeinsam auf diese Namen hören und uns der Kinder und ihrer Geschichten erinnern und ihnen einen Platz in unserer Welt geben.

Bei meinem Namen werde ich gerufen, werde ich ansprechbar, werde ich in eine Gemeinschaft hineingezogen, bleibe ich nicht allein. „Ein geliebtes Kind hat viele Namen!“, heißt es in einem russischen Sprichwort. Denn in einem Namen spiegelt sich der Reichtum an Beziehungen wider, in denen ich lebe.

123 Namen von Jungen und Mädchen, die als Kinder von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern hier in Buch in den verschiedenen Lagern und Krankenhäusern in den Jahren zwischen 1940-45 durch Mangelernährung und Infektionskrankheiten ums Leben gekommen sind – dieser Gedenkort erinnert an keine leichte Geschichte. Aber er ist ein Ort, an diese Kinder, die diese Namen trugen, dem Vergessen entrissen werden. Dafür danke ich allen, die dies möglich gemacht haben. Pfarrerin Cornelia Reuter, Berlin-Buch


Kinder aus Berlin-Buch sangen das alte Volkslied: Die Blümelein, die schlafen...

es sprachen:

 
Herr Stefan Liebich, MdB
Herr Dr. Torsten Kühne,
Bezirksstadtrat in Pankow
Frau Cornelia Reuter, Pfarrerin in Berlin-Buch
 


Zur Einweihung des Denkmals wurden polnische und russische, slowakische Kinderlieder gesunden, Sängerin: Sylvia Tazberik

hier in pdf. die Kinderlieder:

 


Kinderlieder.pdf
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Der Bildhauer Rudolf J. Kaltenbach hatte schon viel mit den Kindern der beteiligten Schulen beim 10. Internationalen Bildhauersymposion "Steine ohne Grenzen" am Sandstein gewerkt und sprach mit den Direktoren*innen und Lehrer*innen, ob sie im Unterricht das Mahnmal theoretisch und in Zeichnungen mit den Kindern besprechen und die Kinder die 123 Namen für das Mahnmal "Kinder für Kinder" schreiben könnten. Sie stimmten zu. So wurden 123 Namen, von den Kindern aufgeschrieben und Zeichnungen dazu gefertigt.

 

Frau Rosemarie Pumb, die für ihre Leistung zur Aufarbeitung der Gewaltherrschaft des NS-Regimes in Berlin-Buch mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, stellte die Namenslisten der ermordeten Kinder zur Verfügung.

 

Die Bildhauer*in Silvia Christine Fohrer und Rudolf J. Kaltenbach übernahmen nun gemeinsam die Arbeit des Umsetzens in den Stein. Silvia Fohrer entwickelte das Konzept der Carrara-Marmorplättchen, worin die die Namen nach den Kinderschriften eingraviert wurden. Die Gemeinde St. Bonifatius stellten einen Granit für das Mahnmal zur Verfügung. Der Granit war einstmals drei Altare: Hauptaltar , ein Nebenaltar und ein Werktagsaltar, der heute nicht mehr existierenden katholischen Kirchengemeinde in der St. Agnes Kirche in Kreuzberg.

 

Das Mahnmal wurde nach Vorstellung von Rudolf J. Kaltenbach in Form eines Tryiptychons erbaut. Auf einer Seite befindet sich eine Kreuztafel aus Labradorgestein. Die Namen der Kinder sind auf der Vorder- und Rückseite angebracht.

 

Im Altar befanden sich ursprünglich quadratisch und rechteckig herausgemeißelte Vertiefungen in Form von Reliquienschreinen, die die Bildhauer mit dem Marmor befüllten und mit einer durchsichtigen Plexiglasplatte verschlossen. Der Marmorstaub entstand bei der Fertigung und Gravierung der Namenstafeln. Marmor wurde verwendet, weil es dem Charakter des Kinderschrift am ehesten entsprach. Einige Kinder haben als Zeichnungen Herzen gemalt, die einen Riss zeigen, ähnlich ist der Granit des Nebenaltares gespalten. Der Hauptaltar ist die Basis und der Werktagsaltar trägt die Namen.

 

Gemeinsam mit Revierförster Olaf Zeuschner wurde der jetzige Standort bestimmt. Die ehemaligen Rieselfelder waren wie andere Orte in Berlin-Buch und Umgebung, Orte der NS-Verbrechen. Das Mahnmal steht auf einer Betonfläche an der Hobrechtsfelder Chaussee, in der Nähe zum alten Grenzstein, der Berlin zu Brandenburg markiert.

 

Maße des Mahnmals

 

Höhe 2.30 m, Breite 3.00 m, Tiefe 1.50 m

 

Granit gebürstet, Labradorgestein aus Norwegen, Marmorstaub, Plexiglas, Carrara-Marmor

Standort:

 

52.65720°N

13.48769°E

 

Maße des Denkmals:


Höhe 2.30 m, Breite 3.00 m, Tiefe 1.50 m


Granit gebürstet, Labradorstein aus Norwegen, Marmorstaub, Plexiglas, Carrara-Marmor



Standort:


52.65720°N

13.48769°E


Die einzelnen Entstehungsphasen:

Ein Teil des 4-teiligen Mahnmals in Arbeit, Marmor auf Granit.
Ein Teil des 4-teiligen Mahnmals in Arbeit, Marmor auf Granit.


Steintafeln aus weißem Carrara-Marmor für die Namen, die Namen wurden von den Schülerinnen und Schülern auf Papier geschrieben, die originale Umsetzung geschieht nun durch Gravierung der Namenszüge.

..................123 Namen wurden von den Kindern geschrieben. Dazu entstanden auch berührende Zeichnungen.

Zeichnungen der Schülerinnen und Schüler aus Bucher Schulen im Unterricht zum Denkmal.

Die Marmorschilder werden mit dem Fräser graviert.

Die Namensschilder aus Marmor bekommen einen Feinschliff an den Kanten.

Die Kinderschriften werden im Carrara-Marmor mit Silberbronce auf Sepiauntergrund getönt.

Bild ist vergrößerbar, bitte direkt anklicken
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Bucher Bote vom Juli 2014 

Bericht von Frau Rosemarie Pumb

Es ist bekannt:.......dass Bucher Bürger und Institutionen sich nach Jahrzehnte langem Schweigen mit einer besonders stark belasteten NS-Vergangenheit auseinandersetzen müssen.

Inzwischen ist einiges getan worden, um Geschehenes aufzuklären und darüber hinaus auch Mechanismen einer menschenfeindlichen Indoktrinierung gegenüber Kranken und „Fremdrassigen“ aufzuzeigen, in deren Folge  während der Zeit des Nationalsozialismus allein in Berlin-Buch einige tausend Menschen um ihr Leben gebracht worden sind. 

 

In Buch gab es 10 große und mehrere kleinere Zwangsarbeiterlager. Die Menschen arbeiteten z.B. in den Bucher Krankenhäusern, dem Werk Buch, dem Gut Buch, der Landwirtschaft und dem großen Güterbahnhof

.

In Buch starben über 400 Zwangsarbeiter in überwiegend sehr jungem Alter an Mangelversorgung, Überlastung und Infektionskrankheiten. Ein Viertel von ihnen waren Kinder.

 

Nach 1945 wurden aus medizinpolitischen Überlegungen die „Euthanasie“-Morde und alle weiteren Verbrechen gegen die Menschlichkeit in den Bucher Krankenanstalten zwischen 1933 und 1945 nicht nur nicht aufgearbeitet, sondern auch im Hinblick auf die geplante Entwicklung Berlin-Buchs zu dem weltweit größten und  modernsten Medizinstandort geleugnet. Ein Beispiel ist eine offizielle Antwort auf eine Anfrage der Generalstaatsanwaltschaft Köln von 1965 in Zusammenhang mit einem „Euthanasie“-Prozess in Köln. (Unterlagen der BStU, Textvorgabe der ehemaligen Abteilung I A der Staatsicherheit an den Berliner Generalstaatsanwaltschaft für eine Antwort nach Köln. Nach scheinbar langwierigen Ermittlungen heißt es in dem sehr kurzen Antwortschreiben >..teile ich Ihnen bezüglich der beiden von Ihnen genannten Bürger der DDR mit, (es folgen zwei Namen) dass diese beiden Herren keine sachdienlichen Angaben machen können.< Der eine, Dr. K. gehörte nachweislich zu der Gruppe der Täter. Der Psychiater war bis 1945 (mit einigen Unterbrechungen) Oberarzt in der Psychiatrie und wenige Jahre nach seiner Entnazifizierung Chefarzt in Buch.  Am 4.9.1968 wird auf dem Vorgang handschriftlich vermerkt: >erledigt, z. d. A.<

Offiziell wurden danach keine Fragen mehr zu Medizin-Verbrechen in Buch gestellt.  

 

Erst seit Anfang 2000 wird die Bucher Geschichte systematisch aufgearbeitet. Noch immer gibt es neue, erschreckende Entdeckungen, wie die vor einigen Wochen gefundenen >Juden-Listen< mit fast 450 Namen von jüdischen Männern und Frauen. Sie wurden 1940/41 erst nach Buch und von hier aus „weiterverlegt“.

 

Um die jüngste Generation nachhaltig und vor allen Dingen kritisch für  geschichtliche Ereignisse zu interessieren, wurde das Mahnmal-Projekt >Kinder für Kinder< entwickelt.  Es bietet Schülern eine besondere Möglichkeit, die Folgen  amoralischer, menschenfeindlicher Auswüchse politischer Ideologien mit den Schicksalen der betroffenen Opfer in Beziehung zu setzen.

 

 

Die Schüler von drei Bucher Schulen (Schule Am Sandhaus, die Buggenhagen-Schule für Körperbehinderte Schüler und die Hufeland-Schule sind an einem Mahnmal für über 100 in Buch verstorbene Zwangsarbeiter-Kinder beteiligt. Es ist zu hoffen, dass die heutigen Schüler ihr Werk noch den eigenen Kindern zeigen, Fragen gestellt und Antworten gegeben werden und auf diese Weise eine besondere Kontinuität in der Weitergabe geschichtlichen Wissens entwickelt wird..

 

 

Rosemarie Pumb    

(Textauszug hier verwendet)

 

 

 

Masse:

300 x 150 x 38 cm, 5 tonnen, 1,61 cbm

zwei Steine 160 x 55 x 38 cm, 1,9 tonnen, 0,67 cbm

180 x 80 x 38 cm, 1,8 tonnen, 0,55 cbm

vorgesehener Standort Nähe des Parkplatzes Steine ohne Grenzen an der Hobrechtsfelder Chaussee
vorgesehener Standort Nähe des Parkplatzes Steine ohne Grenzen an der Hobrechtsfelder Chaussee

Kooperationspartner:

evangelische Kirche Berlin-Buch,
der Runde Tisch >Geschichte Berlin- Buch< sowie die

Stelle für politische Bildung und Beteiligung von Kindern und Jugendlichen Berlin-Pankow.
 
 
 

  • Der Gedenkort wurde u.a. ermöglicht durch




Runder Tisch Geschichte Buch


Bezirksamt Pankow


Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales


Bundesprogramm „Toleranz fördern – Kompetenz stärken“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend


Berliner Forsten, Forstamt Pankow


Pfarrgemeinde St. Bonifatius


Fam. Pumb


Yvo Verschoor


Walter Baeck


Sabine Meck


Fa. BESCH


THW



  
Die künstlerisch-bildhauerische Bearbeitung
Bildhauer_in
Silvia Fohrer (Entwicklung, Konzept der Namensschilder und Aussparungen, Umsetzung der Beschriftung)
Rudolf J. Kaltenbach (Entwicklung des Denkmals, Erarbeitung des Themas mit den Schulen und Realisation des Granit-Denkmals, Umsetzung der Beschriftung, Kreuztafel, Fundament)
  

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